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Noch 39 Tage “drei unter drei” – ein Rückblick

Als ich vor vielen Jahren den großen blauen kennenlernte – viele hundert Kilometer von meiner Heimat entfernt – hätte ich mir nie träumen lassen, dass wir heute, im Jahr 2011, mit drei kleinen Kindern hier sitzen würden und ihnen beim Aufwachsen zusehen dürfen. Wobei, träumen lassen konnte ich es mir, nur vorstellen nicht.

Im zarten Alter von 14 Jahren war ich mir sicher, niemals Kinder haben zu wollen geschweigedenn einen Mann – so erlebte ich in diesem Alter einige Enttäuschungen, was das andere, doofe Geschlecht angeht. Knapp über 20 wich dieser Gedanke einem “man könnte ja? – vielleicht? mit dem richtigen Mann?” ein Haus bauen, zwei Kinder bekommen (einen Jungen und ein Mädchen), einen riesigen Garten besitzen, einen Hund anschaffen und in einer glorifizierten Welt leben, in der es neben Friede, Freude und Eierkuchen nur eins gab, das all das noch toppte: ein Ferienhaus am Meer. Nun gut, heute leben wir in einer 100 m²-Wohnung in einer Kleinstadt im Großraum Nürnberg, haben zwar zwei Kinder (einen Jungen und ein Mädchen) und keinen Hund, dafür aber noch einen kleinen blauen, besitzen zwar einen Garten, der jedoch spätestens im Jahr 2012 dem Neubau von ACHT Häusern dienen wird und die Sachen mit dem Ferienhaus am Meer… lassen wir das.

Gerade kennengelernt beschloss der große blaue, Kinder haben zu wollen, wohingegen ich verlauten ließ, dass ich prinzipiell nichts gegen die Idee einzuwenden hätte, wenn man sich denn bereits länger kennen würde. Dies müsse kein Jahrzehnt sein, aber zumindest länger als zwei Tage. Er hätte, so sagte er, noch mit keiner Frau einen Kinderwunsch verspürt, sei jedoch, seit er mich zum ersten Mal gesehen habe, davon überzeugt, dass genau ich diejenige wäre, mit welcher er sich seine Zukunft mit Haus, Garten, Hund, Ferienhaus am Meer, Kindern, zweien, einem Jungen und einem Mädchen gut vorstellen könne. Ich gebe zu: am liebsten wäre ich in diesem Moment schreiend davongerannt – hätte ich nicht auch selbst so ein klein wenig geträumt von alledem, was ich mir keine 10 Jahre zuvor mit keinem Mann dieser Welt hätte vorstellen können.

So kam es, dass wir – noch unverheiratet und damit entgegen jeder auch noch heute noch recht gängigen Tradition, jedoch, und ich betone das ausdrücklich, NICHT nach 2 Tagen – die Kinderplanung angingen (womit ich nach 350 Wörtern auch endlich zum Punkt komme). Tage, Wochen, Monate vergingen, bis wir nach gut zwei Jahren an einen Punkt gekommen waren zu überlegen, wie es weitergehen würde, nachdem sich bislang kein Nachwuchs angekündigt hatte. Reichliche 1,5 Jahre später und mithilfe größerer Unterstützug von außen, wurde ich schwanger, durchlebte eine komplikationsreiche Schwangerschaft mit nicht weniger komplikationsreicher Geburt und gebar einen Jungen, den großen blauen.

Dieser outete sich nicht nur als Nichtschläfer, sondern obendrein als Kolikkind, Speikind und war – nennen wir es so – reichlich anspruchsvoll. In den Stunden, in denen er nicht spuckte, schrie er wohingegen er dann, wenn er spuckte nicht schrie, aber uns anderweitig beschäftigte, indem er mehrmals täglich komplett umgezogen werden musste, wobei er wiederum schrie, wenn er nicht noch ein weiteres Mal spuckte.

Nach der Geburt des großen blauen hatten wir kurz darüber gesprochen, wie wir weiterverfahren wollen würden in puncto Empfängnisverhütung und einigten uns darin eine solche gar nicht erst betreiben zu wollen, da in den 3,5 Jahren vor dem großen blauen ja auch keine Schwangerschaft eingetreten war, obwohl wir empfängnisverhütende Maßnahmen unterließen und außerdem nach dem großen blauen für unsere Welt aus Friede, Freude und Eierkuchen ja ohnehin noch das Ferienhaus am Meer, ein Hund und eine kleine rote Schwester fehlte und jederzeit willkommen war. Aufmerksame Leser werden die Geschichte an der Stelle weiterspinnen können, von mir nur so viel: ich stillte voll, etwa 30mal am Tag, da der große blaue, kaum getrunken, einen Nachschub forderte, den er im nächsten Moment wieder ausspuckte, zu schreien begann, umgezogen werden musste, erneut spie und das Drama von vorne begann.

Reichliche drei Monate nach der Geburt des großen blauen nun stellte ich fest, dass ich allen Unmöglichkeiten zum Trotz wieder schwanger war. Mein Frauenarzt, dessen Praxis ich mit den Worten “ich fürchte, ich bin schwanger” betrat, lachte, erzählte mir von Pseudokindsbewegungen, Wunschdenken und davon, dass er in seiner 29jährigen Karriere als Frauenarzt bislang keinen einzigen Fall gehabt hätte, in dem unter den unseren Bedingungen eine Schwangerschaft eingetreten wäre. Nach dem nun folgenden hCG-Test rief er mich in sein Sprechzimmer, fragte mich, wie es mir ginge, starrte dabei kalkweiß auf die gegenüberliegende Wand, schnaufte tief und sprach: “Frau W., ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ICH muss mich setzen.” Sicherlich 10 Minuten dauerte es bis er sich gesammelt hatte, mich ansah und sagte: “ein Kind im Januar und eines im Dezember, das hat auch nicht jeder”, um kurz darauf auf das Papier auf seinem Schreibtisch zu sehen, immerwährend den Kopf zu schütteln und etwas von 29jähriger Karriere, Fachliteratur und Wunder zu stammeln. Ich selbst war mir in diesem Moment noch nicht annähernd im Klaren darüber, was dieses Jahr, 2009, für uns bereithalten würde, konnte weder in den ersten Wochen realisieren, dass ich wieder schwanger war noch konnte ich mich auf diese Schwangerschaft einlassen. Es war schlicht und ergreifend unmöglich, dass ich, dass wir, die wir Jahre auf den großen blauen gewartet hatten, nun, nach nur 3 Monaten ein weiteres Geschenk des Himmels erwarten würden.

Klar wurde dieser Gedanke erst im Dezember vor 2 Jahren, als ich – schreiend und um Hilfe flehend – auf einem Kreißbett lag und mir ein paar Stunden lang wünschte, wir hätten uns damals länger als zwei Minuten mit dem Thema Empfängnisverhütung beschäftigt. Zumindest bis Viertel vor 9 Uhr morgens, als die Hebamme sprach, dass ihre Arbeit an der Stelle beendet sei und sie nun in ihre wohlverdiente Kaffeepause ginge.
Da lag er nun – der Traum vom zweiten Kind – klein, blutverschmiert, blond und hilflos, zunächst lauthals schreiend, kurz später mich friedvoll ansehend zwischen meinen Beinen und beweisend, dass auch eine 29jährige Karriere als Frauenarzt nicht vor neuen Erfahrungen schützt. Der kleine blaue war geboren.

(to be continued)
Mama mal drei

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